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Szasz-Zitat: Psychiatrischer Totalitarismus 2 [449] Psychiatrie
(zu alt für eine Antwort)
Franz P. Beuler
2014-02-14 09:40:01 UTC
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Raw Message
Szasz-Zitat: Psychiatrischer Totalitarismus 2 [449] Psychiatrie

Oder genauer:
Psychiatrischer Totalitarismus – „Patienten“ als Patienten Gefangene –
Rechtmäßigkeit der Hospitalisierung
Oder:
Es „büßen mehr als doppelt so viele Amerikaner ihre Freiheit aufgrund
einer Geisteskrankheit ein als infolge einer Straftat.“
Oder:
Fortsetzung von: Szasz-Zitat: Psychiatrischer Totalitarismus 1


Kurzzitate:

„Angeblich befinden sich einige Patienten auf eigenen Wunsch in
Nervenkliniken – in Wahrheit aber sind alle derartigen Patienten
Gefangene da selbst die sogenannten „Freiwilligen“ nicht sicher sein
können, daß sie die Anstalt nach ihrem Belieben verlassen dürfen.“

„Übrigens kann dieser Freiheitsentzug nicht im moralischen Sinne als
Schutz der Gemeinschaft oder als Behandlung des „Patienten“
gerechtfertigt werden (20), und dennoch hat es die American Civil
Liberties Union über sich gebracht, diese Praxis nicht nur nicht zu
bekämpfen, sondern sogar aktiv zu unterstützen.“

„Indem die Gerichte die neuen Definitionen von „criminal insanity“ –
namentlich die in der Durham Rule und im Vorschlag des American Law
Institute enthaltenen Definitionen – übernehmen, „liberalisieren“ sie
nach den Worten der American Civil Liberties Union „die 123 Jahre alte
M'Naghten-Verfügung im Lichte der modernen Psychiatrie.“ ([. . .]) Mit
ihrem Bekenntnis zu dieser Auffassung macht sich die Union zum
Sprachrohr der Psychohygienebewegung.“

„ „Zur Zeit der spanischen Inquisition“, stellte Maurice Maeterlinck
fest, „gebot die Stimme der Vernunft sicherlich, die Leute nicht allzu
viele Ketzer verbrennen zu lassen, während es eindeutig eine überspitzte
und unvernünftige Auffassung war zu verlangen, sie sollten überhaupt
keine verbrennen.“ (26) Das gleiche gilt derzeit für die ungewollte
Unterbringung in psychiatrischen Kliniken. Heute sagt die Stimme der
Vernunft, daß Psychiater nur solche Geisteskranken einweisen sollten,
die „sehr krank“ sind oder „eine Gefahr für sich selbst oder andere“
darstellen; dagegen erscheint es überspitzt und vernunftwidrig zu
fordern, daß überhaupt keiner zwangsweise eingeliefert werden solle.“


Zitat aus:
Szasz, Thomas S.: /Die Fabrikation des Wahnsinns. Gegen Macht und
Allmacht der Psychiatrie/

Seite 109 ff.:

Diese Überlegungen [siehe auch: Szasz-Zitat: Psychiatrischer
Totalitarismus 1; Anm. d. Schreiber] helfen uns auch verstehen, warum
ungeachtet der Tatsache, daß viele Praktiken der Institutionalen
Psychiatrie offensichtlich betrügerisch, auf Zwang gebaut und den
„Patienten“ abträglich sind, die Einrichtung als solche von allen
Klassen, Gruppen und Organisationen unserer Gesellschaft – darunter auch
von denen, die sich dem Schutze der bürgerlichen Freiheiten verschrieben
haben – gestützt wurde und wird *.
Wir leben also in einer Gesellschaft, in der weit mehr Menschen ihre
Freiheit durch psychiatrische Unterbringung in Anstalten verlieren als
durch strafrechtliche Inhaftierung. 1964 ergab die Tageszählung im
Schnitt 563.354 hospitalisierte Geisteskranke und 186.735 Insassen in
Anstalten für geistig Zurückgebliebene. Im gleichen Jahr saßen laut
Zählung 214.356 Häftlinge in bundes- und einzelstaatlichen Gefängnissen
ein (17). Angeblich befinden sich einige Patienten auf eigenen Wunsch in
Nervenkliniken – in Wahrheit aber sind alle derartigen Patienten
Gefangene da selbst die sogenannten „Freiwilligen“ nicht sicher sein
können, daß sie die Anstalt nach ihrem Belieben verlassen dürfen. Was
die offiziellen Zahlen anbelangt, so werden selbst in Erhebungen, die
für die Institutionale Psychiatrie günstig ausfielen, nur zehn Prozent
aller psychiatrisch Hospitalisierten als „freiwillige Zugänge“ geführt
(18). 1961 indessen hatten ledigich 3,5 Prozent der Patienten des St.
Elizabeths Hospital in Washington, D. C., den Status von Freiwilligen
(19). Kurzum, auch wenn man jene Personen nicht mitzählt, die wegen
geistiger Minderentwicklung eingesperrt sind, büßen mehr als doppelt so
viele Amerikaner ihre Freiheit aufgrund einer Geisteskrankheit ein als
infolge einer Straftat. Übrigens kann dieser Freiheitsentzug nicht im
moralischen Sinne als Schutz der Gemeinschaft oder als Behandlung des
„Patienten“ gerechtfertigt werden (20), und dennoch hat es die American
Civil Liberties Union über sich gebracht, diese Praxis nicht nur nicht
zu bekämpfen, sondern sogar aktiv zu unterstützen.
[. . .]
„Wer gegen seinen Willen in eine Irrenanstalt eingeliefert wird“,
erklärt die Union, „verliert seine Bewegungsfreiheit, kann seinen
persönlichen Umgang nicht mehr selbst bestimmen und muß in vielen Fällen
damit rechnen, daß er für die Gemeinschaft das Stigma 'verrückt' trägt.
Es ist daher unbedingt geboten, daß niemand ohne Vorschaltung eines
gründlichen Anhörungs- und Schwurgerichtsverfahrens unter
Berücksichtigung sämtlicher verfassungsmäßiger, bei anderen
Zivilprozessen üblicher Sicherungen in eine Anstalt eingewiesen werden
kann.“ (22) Die Unlogik und Engherzigkeit dieser Empfehlung schockiert:
Wenn Geisteskrankheit undefiniert bleibt (oder wenn sie das ist, als was
Psychiater und die breite Masse sie bezeichnen), ist zu fragen, welchen
Schutz dann eigentlich eine Verhandlung vor einem Geschworenengericht
bietet? Wozu die juristische Heuchelei, es sei ein „Zivilverfahren“,
wenn die Verbringung in die Anstalt zum Verlust der Freiheit führt? In
welchem anderen Zivilverfahren, kann der Prozessierende zu
lebenslänglicher Haft verurteilt werden, wenn er unterliegt?
„Wenn eine Person in einer Anstalt untergebracht worden ist“, heißt
es weiter in der Empfehlung der American Civil Liberties Union, „hat sie
ein Anrecht auf eine periodische Nachprüfung ihres Falles durch ein
Gericht [. . . (Kürzung im Orig.; Anm. d. Schreiber) . . .] im Hinblick
auf Entlassung, wenn es ihr Zustand erlaubt.“ (23) Gibt es einen
Psychiater in diesem Lande, ja in der ganzen Welt, der nicht behaupten
würde, genau das bereits zu tun? Also läuft das Ganze auf eine
uneingeschränkte Billigung des psychiatrischen Status quo hinaus. Die
American Civil Liberties Union verlangt nichts weiter, als daß die
Gerichte den Patienten auf freien Fuß setzen mögen, wenn es „sein
Zustand“ erlaubt. Aber kein Wort wird gesagt über das
Gegnerschaftsverhältnis zwischen dem Arzt, auf dessen Ansicht das
Gericht seine Entscheidung stützt, und dem „Patienten“, dessen Freiheit
der Verteidigung bedarf. **
[. . .]
Es ist schon so – die Einweisungsprozedur erhebt die Rechtmäßigkeit der
Hospitalisierung Geisteskranker wider ihren Willen und dadurch die
Rechtschaffenheit der Institutionalen Psychiatrie und der
therapeutischen Gesellschaft, der sie dient, zum Ritual (25).
„Zur Zeit der spanischen Inquisition“, stellte Maurice Maeterlinck
fest, „gebot die Stimme der Vernunft sicherlich, die Leute nicht allzu
viele Ketzer verbrennen zu lassen, während es eindeutig eine überspitzte
und unvernünftige Auffassung war zu verlangen, sie sollten überhaupt
keine verbrennen.“ (26) Das gleiche gilt derzeit für die ungewollte
Unterbringung in psychiatrischen Kliniken. Heute sagt die Stimme der
Vernunft, daß Psychiater nur solche Geisteskranken einweisen sollten,
die „sehr krank“ sind oder „eine Gefahr für sich selbst oder andere“
darstellen; dagegen erscheint es überspitzt und vernunftwidrig zu
fordern, daß überhaupt keiner zwangsweise eingeliefert werden solle.


Fußnoten und Anmerkungen:

* Eine 1967 veröffentlichte Louis-Harris-Studie zeigte, daß 47 Prozent
der Befragten für eine Erhöhung der Bundeszuschüsse für Heilanstalten
und Nervenkliniken waren, 39 Prozent sie auf ihrem gegenwärtigen Niveau
festschreiben wollten und nur 5 Prozent für eine Kürzung der
Subventionen eintraten. (/Seattle Times/, 3. April 1967; zitiert in
James E. Beaver, The „mentally ill“ and the law: Sisyphus and Zeus,
/Utah Law Rev./, 1968: 1-71 [März], 1968; S. 2.)
Bei einer Untersuchung in New York City ergab sich folgendes: „Die
meisten (neun von zehn) finden, daß die Regierung 'mehr Geld für die
Psychohygiene auftreiben und aufwenden' sollte“; außerdem waren „fünf
von sechs“ (83 Prozent) der Meinung, daß 'staatliche Heilanstalten nötig
sind, weil sie dem Schutz der Gemeinschaft dienen, selbst wenn die
meisten Anstaltsinsassen dort nicht gebessert werden.“ (Jack Elinson,
Elena Padilla und Marvin E. Perkins, /Public Image of Mental Health
Services/, S. XV, 9.)

(17) /The U. S. Book of Facts, Statistics, and Information/, S. 77, 161.
(18) Jonas B. Robitscher, /Pursuit of Agreement/, S. 121.
(19) Winfred Overholser, Testimony, in /Constitutional Rights of the
Mentally Ill/, S. 36.
(20) Vgl. Thomas S. Szasz, /Law, Liberty and Psychiatry/, S. 182-190.
(22) American Civil Liberties Union, /The Policy Guide of the American
Civil Liberties Union/ (Policy No. 225: The Mentally Ill – Civil
Commitment), Juni 1966.
(23) Ibd.

** Der sogenannte psychiatrische Liberalismus – letzten Endes ein
psychiatrischer Totalitarismus – hat die ganze Politik der American
Civil Liberties Union in psychohygienischen Fragen beeinflußt. So
befürwortet die Union ungeachtet vieler eindeutig strategisch
motivierter – und oft eindeutig betrügerischer – Manipulationen mit den
Untzurechnungsfähigkeitsparagraphen wärmstens die Anwendung von
Prüfungsmethoden, die sie als „liberalisierte“ Tests der strafrechtichen
Verantwortlichkeit bezeichnet. Indem die Gerichte die neuen Definitionen
von „criminal insanity“ – namentlich die in der Durham Rule und im
Vorschlag des American Law Institute enthaltenen Definitionen –
übernehmen, „liberalisieren“ sie nach den Worten der American Civil
Liberties Union „die 123 Jahre alte M'Naghten-Verfügung im Lichte der
modernen Psychiatrie.“ (American Civil Liberties Union, /New Dimension …
New Challanges: 46th Annual Report/ (1. Juli 1965 – 1. Jan. 1967, S.
35.) Mit ihrem Bekenntnis zu dieser Auffassung macht sich die Union zum
Sprachrohr der Psychohygienebewegung.

(25) Vgl. Thomas S. Szasz, Toward the therapeutic state, /New
Republic/, 11. Dez. 1965, S. 26-29.
(26) Zitiert bei Homer W. Smith, /Man and His Gods/, S. VI.


Bibliographie:

American Civil Liberties Union. /The Policy Guide of the American Civil
Liberties Union, Policy No. 225/. The Mentally Ill – Civil Commitment.
Juni 1966.
- /New Dimension … New Challanges:/ 46th Annual Report (1. Juli 1965 –
1. Jan. 1967), S. 35.

Beaver, J. E., The „mentally ill“ and the law: Sisyphos and Zeus. /Utah
Law Rev./, 1968: 1-71 (März), 1968.

Elinson, J., Padilla, E., und Perkins, M. E., /Public Image of Mental
Health Services/. Ment. Health Materials Center, New York 1967.

Overholser, W., Statement. In: /Constitutional Rights of the Mentally
Ill/, S. 19-39.

Robitscher, J. B., /Pursuit of Agreement: Psychiatry and the Law/.
Lippincott, Philadelphia 1966.

Smith, H. W., /Man and His Gods/. Little, Brown, Boston 1953.

Szasz, T. S.,
- /Law, Liberty and Psychiatry: An Inquiry of the Sozial Uses of
Menta Health Practices/. Macmillan, New York 1963
- Toward the therapeutic state. /New Republic/, 11. Dez. 1965, S. 26-29.

/U. S. Book of Facts, Statistics, and Information, The/. Washington
Square Press, New York 1966.


Aus:
TEIL 1
INQUISITION UND INSTITUTIONALE PSYCHIATRIE
Kapitel:
4.
Die Verteidigung der herrschenden Ethik
In:
Szasz, Thomas S.: /Die Fabrikation des Wahnsinns. Gegen Macht und
Allmacht der Psychiatrie/. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main
1976; Engl.: /The Manufacture of Madness. A comparative Study of the
Inquisition and the Mental Health Movement/. Harper and Row: New York 1970

Nachdruck und Online-Ausgabe:
Szasz, Thomas S.: /The Manufacture of Madness: A Comparative Study of
the Inquisition and the Mental Health Movement/. Syracuse University
Press: Syracuse 1997:
http://books.google.de/books/about/The_manufacture_of_madness.html?id=hpOcRRum3XEC
Klaus Roggendorf
2014-02-21 06:36:29 UTC
Permalink
Raw Message
Lieber Herr Beuler, ich find`s komisch, daß ich auf meine Zwischenrufe
und Fragen im Forum keine Antwort bekomme.

Wenn jemand mit seinem Verhalten äußerlich grundlos und bester Laune auf
beliebig andere, wiederholt unzumutbare Zwänge oder einen permanenten
Zwang ausübt - darf`n der das so ungeregelt und ungestraft?
Soll da immer eine Gruppen-Solidarität reichen, die ihn /unkooperative
Typen gruppentherapeutisch auffangen oder einfach mobbiös
auss-/-schwitzen? Wie soll das gehen? ,-)

Am 14.02.2014 10:40, schrieb Franz P. Beuler:
> Szasz-Zitat: Psychiatrischer Totalitarismus 2 [449] Psychiatrie
>
> Oder genauer:
> Psychiatrischer Totalitarismus – „Patienten“ als Patienten Gefangene –
> Rechtmäßigkeit der Hospitalisierung
> Oder:
> Es „büßen mehr als doppelt so viele Amerikaner ihre Freiheit aufgrund
> einer Geisteskrankheit ein als infolge einer Straftat.“
> Oder:
> Fortsetzung von: Szasz-Zitat: Psychiatrischer Totalitarismus 1
>
>
> Kurzzitate:
>
> „Angeblich befinden sich einige Patienten auf eigenen Wunsch in
> Nervenkliniken – in Wahrheit aber sind alle derartigen Patienten
> Gefangene da selbst die sogenannten „Freiwilligen“ nicht sicher sein
> können, daß sie die Anstalt nach ihrem Belieben verlassen dürfen.“
>
> „Übrigens kann dieser Freiheitsentzug nicht im moralischen Sinne als
> Schutz der Gemeinschaft oder als Behandlung des „Patienten“
> gerechtfertigt werden (20), und dennoch hat es die American Civil
> Liberties Union über sich gebracht, diese Praxis nicht nur nicht zu
> bekämpfen, sondern sogar aktiv zu unterstützen.“
>
> „Indem die Gerichte die neuen Definitionen von „criminal insanity“ –
> namentlich die in der Durham Rule und im Vorschlag des American Law
> Institute enthaltenen Definitionen – übernehmen, „liberalisieren“ sie
> nach den Worten der American Civil Liberties Union „die 123 Jahre alte
> M'Naghten-Verfügung im Lichte der modernen Psychiatrie.“ ([. . .]) Mit
> ihrem Bekenntnis zu dieser Auffassung macht sich die Union zum
> Sprachrohr der Psychohygienebewegung.“
>
> „ „Zur Zeit der spanischen Inquisition“, stellte Maurice Maeterlinck
> fest, „gebot die Stimme der Vernunft sicherlich, die Leute nicht allzu
> viele Ketzer verbrennen zu lassen, während es eindeutig eine
> überspitzte und unvernünftige Auffassung war zu verlangen, sie sollten
> überhaupt keine verbrennen.“ (26) Das gleiche gilt derzeit für die
> ungewollte Unterbringung in psychiatrischen Kliniken. Heute sagt die
> Stimme der Vernunft, daß Psychiater nur solche Geisteskranken
> einweisen sollten, die „sehr krank“ sind oder „eine Gefahr für sich
> selbst oder andere“ darstellen; dagegen erscheint es überspitzt und
> vernunftwidrig zu fordern, daß überhaupt keiner zwangsweise
> eingeliefert werden solle.“
>
>
> Zitat aus:
> Szasz, Thomas S.: /Die Fabrikation des Wahnsinns. Gegen Macht und
> Allmacht der Psychiatrie/
>
> Seite 109 ff.:
>
> Diese Überlegungen [siehe auch: Szasz-Zitat: Psychiatrischer
> Totalitarismus 1; Anm. d. Schreiber] helfen uns auch verstehen, warum
> ungeachtet der Tatsache, daß viele Praktiken der Institutionalen
> Psychiatrie offensichtlich betrügerisch, auf Zwang gebaut und den
> „Patienten“ abträglich sind, die Einrichtung als solche von allen
> Klassen, Gruppen und Organisationen unserer Gesellschaft – darunter
> auch von denen, die sich dem Schutze der bürgerlichen Freiheiten
> verschrieben haben – gestützt wurde und wird *.
> Wir leben also in einer Gesellschaft, in der weit mehr Menschen
> ihre Freiheit durch psychiatrische Unterbringung in Anstalten
> verlieren als durch strafrechtliche Inhaftierung. 1964 ergab die
> Tageszählung im Schnitt 563.354 hospitalisierte Geisteskranke und
> 186.735 Insassen in Anstalten für geistig Zurückgebliebene. Im
> gleichen Jahr saßen laut Zählung 214.356 Häftlinge in bundes- und
> einzelstaatlichen Gefängnissen ein (17). Angeblich befinden sich
> einige Patienten auf eigenen Wunsch in Nervenkliniken – in Wahrheit
> aber sind alle derartigen Patienten Gefangene da selbst die
> sogenannten „Freiwilligen“ nicht sicher sein können, daß sie die
> Anstalt nach ihrem Belieben verlassen dürfen. Was die offiziellen
> Zahlen anbelangt, so werden selbst in Erhebungen, die für die
> Institutionale Psychiatrie günstig ausfielen, nur zehn Prozent aller
> psychiatrisch Hospitalisierten als „freiwillige Zugänge“ geführt (18).
> 1961 indessen hatten ledigich 3,5 Prozent der Patienten des St.
> Elizabeths Hospital in Washington, D. C., den Status von Freiwilligen
> (19). Kurzum, auch wenn man jene Personen nicht mitzählt, die wegen
> geistiger Minderentwicklung eingesperrt sind, büßen mehr als doppelt
> so viele Amerikaner ihre Freiheit aufgrund einer Geisteskrankheit ein
> als infolge einer Straftat. Übrigens kann dieser Freiheitsentzug nicht
> im moralischen Sinne als Schutz der Gemeinschaft oder als Behandlung
> des „Patienten“ gerechtfertigt werden (20), und dennoch hat es die
> American Civil Liberties Union über sich gebracht, diese Praxis nicht
> nur nicht zu bekämpfen, sondern sogar aktiv zu unterstützen.
> [. . .]
> „Wer gegen seinen Willen in eine Irrenanstalt eingeliefert wird“,
> erklärt die Union, „verliert seine Bewegungsfreiheit, kann seinen
> persönlichen Umgang nicht mehr selbst bestimmen und muß in vielen
> Fällen damit rechnen, daß er für die Gemeinschaft das Stigma
> 'verrückt' trägt. Es ist daher unbedingt geboten, daß niemand ohne
> Vorschaltung eines gründlichen Anhörungs- und Schwurgerichtsverfahrens
> unter Berücksichtigung sämtlicher verfassungsmäßiger, bei anderen
> Zivilprozessen üblicher Sicherungen in eine Anstalt eingewiesen werden
> kann.“ (22) Die Unlogik und Engherzigkeit dieser Empfehlung
> schockiert: Wenn Geisteskrankheit undefiniert bleibt (oder wenn sie
> das ist, als was Psychiater und die breite Masse sie bezeichnen), ist
> zu fragen, welchen Schutz dann eigentlich eine Verhandlung vor einem
> Geschworenengericht bietet? Wozu die juristische Heuchelei, es sei ein
> „Zivilverfahren“, wenn die Verbringung in die Anstalt zum Verlust der
> Freiheit führt? In welchem anderen Zivilverfahren, kann der
> Prozessierende zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden, wenn er
> unterliegt?
> „Wenn eine Person in einer Anstalt untergebracht worden ist“, heißt
> es weiter in der Empfehlung der American Civil Liberties Union, „hat
> sie ein Anrecht auf eine periodische Nachprüfung ihres Falles durch
> ein Gericht [. . . (Kürzung im Orig.; Anm. d. Schreiber) . . .] im
> Hinblick auf Entlassung, wenn es ihr Zustand erlaubt.“ (23) Gibt es
> einen Psychiater in diesem Lande, ja in der ganzen Welt, der nicht
> behaupten würde, genau das bereits zu tun? Also läuft das Ganze auf
> eine uneingeschränkte Billigung des psychiatrischen Status quo hinaus.
> Die American Civil Liberties Union verlangt nichts weiter, als daß die
> Gerichte den Patienten auf freien Fuß setzen mögen, wenn es „sein
> Zustand“ erlaubt. Aber kein Wort wird gesagt über das
> Gegnerschaftsverhältnis zwischen dem Arzt, auf dessen Ansicht das
> Gericht seine Entscheidung stützt, und dem „Patienten“, dessen
> Freiheit der Verteidigung bedarf. **
> [. . .]
> Es ist schon so – die Einweisungsprozedur erhebt die Rechtmäßigkeit
> der Hospitalisierung Geisteskranker wider ihren Willen und dadurch die
> Rechtschaffenheit der Institutionalen Psychiatrie und der
> therapeutischen Gesellschaft, der sie dient, zum Ritual (25).
> „Zur Zeit der spanischen Inquisition“, stellte Maurice Maeterlinck
> fest, „gebot die Stimme der Vernunft sicherlich, die Leute nicht allzu
> viele Ketzer verbrennen zu lassen, während es eindeutig eine
> überspitzte und unvernünftige Auffassung war zu verlangen, sie sollten
> überhaupt keine verbrennen.“ (26) Das gleiche gilt derzeit für die
> ungewollte Unterbringung in psychiatrischen Kliniken. Heute sagt die
> Stimme der Vernunft, daß Psychiater nur solche Geisteskranken
> einweisen sollten, die „sehr krank“ sind oder „eine Gefahr für sich
> selbst oder andere“ darstellen; dagegen erscheint es überspitzt und
> vernunftwidrig zu fordern, daß überhaupt keiner zwangsweise
> eingeliefert werden solle.

Bitte, wie soll den mit Leuten umgegangen werden, die z.B. "lustvoll"
unter sadistischen/egomanisch-asozialen Zwangserscheinungen leiden und
anderen entsprechende ihre Zwänge auferlegen....?


>
>
> Fußnoten und Anmerkungen:
>
> * Eine 1967 veröffentlichte Louis-Harris-Studie zeigte, daß 47
> Prozent der Befragten für eine Erhöhung der Bundeszuschüsse für
> Heilanstalten und Nervenkliniken waren, 39 Prozent sie auf ihrem
> gegenwärtigen Niveau festschreiben wollten und nur 5 Prozent für eine
> Kürzung der Subventionen eintraten. (/Seattle Times/, 3. April 1967;
> zitiert in James E. Beaver, The „mentally ill“ and the law: Sisyphus
> and Zeus, /Utah Law Rev./, 1968: 1-71 [März], 1968; S. 2.)
> Bei einer Untersuchung in New York City ergab sich folgendes: „Die
> meisten (neun von zehn) finden, daß die Regierung 'mehr Geld für die
> Psychohygiene auftreiben und aufwenden' sollte“; außerdem waren „fünf
> von sechs“ (83 Prozent) der Meinung, daß 'staatliche Heilanstalten
> nötig sind, weil sie dem Schutz der Gemeinschaft dienen, selbst wenn
> die meisten Anstaltsinsassen dort nicht gebessert werden.“ (Jack
> Elinson, Elena Padilla und Marvin E. Perkins, /Public Image of Mental
> Health Services/, S. XV, 9.)
>
> (17) /The U. S. Book of Facts, Statistics, and Information/, S. 77,
> 161.
> (18) Jonas B. Robitscher, /Pursuit of Agreement/, S. 121.
> (19) Winfred Overholser, Testimony, in /Constitutional Rights of the
> Mentally Ill/, S. 36.
> (20) Vgl. Thomas S. Szasz, /Law, Liberty and Psychiatry/, S. 182-190.
> (22) American Civil Liberties Union, /The Policy Guide of the
> American Civil Liberties Union/ (Policy No. 225: The Mentally Ill –
> Civil Commitment), Juni 1966.
> (23) Ibd.
>
> ** Der sogenannte psychiatrische Liberalismus – letzten Endes ein
> psychiatrischer Totalitarismus – hat die ganze Politik der American
> Civil Liberties Union in psychohygienischen Fragen beeinflußt. So
> befürwortet die Union ungeachtet vieler eindeutig strategisch
> motivierter – und oft eindeutig betrügerischer – Manipulationen mit
> den Untzurechnungsfähigkeitsparagraphen wärmstens die Anwendung von
> Prüfungsmethoden, die sie als „liberalisierte“ Tests der
> strafrechtichen Verantwortlichkeit bezeichnet. Indem die Gerichte die
> neuen Definitionen von „criminal insanity“ – namentlich die in der
> Durham Rule und im Vorschlag des American Law Institute enthaltenen
> Definitionen – übernehmen, „liberalisieren“ sie nach den Worten der
> American Civil Liberties Union „die 123 Jahre alte M'Naghten-Verfügung
> im Lichte der modernen Psychiatrie.“ (American Civil Liberties Union,
> /New Dimension … New Challanges: 46th Annual Report/ (1. Juli 1965 –
> 1. Jan. 1967, S. 35.) Mit ihrem Bekenntnis zu dieser Auffassung macht
> sich die Union zum Sprachrohr der Psychohygienebewegung.



Klar, wenn es eine philosophisch erkenntnisstandgemäß begründete
Psychohygiene gibt, dann geht es um deren ethisch-moralisch
lebenspraktische Kriterien und die Definitionen dessen, was gut und
nicht gut, gesund und krank ist..und tolerable, demkratisch transparent
kontrollierbare Übergänge. Oder wie - oder was?

Haben Sie dafür ein passendes Szasz-Zitat?


MFG
Klaus Roggendorf

>
> (25) Vgl. Thomas S. Szasz, Toward the therapeutic state, /New
> Republic/, 11. Dez. 1965, S. 26-29.
> (26) Zitiert bei Homer W. Smith, /Man and His Gods/, S. VI.
>
>
> Bibliographie:
>
> American Civil Liberties Union. /The Policy Guide of the American
> Civil Liberties Union, Policy No. 225/. The Mentally Ill – Civil
> Commitment. Juni 1966.
> - /New Dimension … New Challanges:/ 46th Annual Report (1. Juli 1965
> – 1. Jan. 1967), S. 35.
>
> Beaver, J. E., The „mentally ill“ and the law: Sisyphos and Zeus.
> /Utah Law Rev./, 1968: 1-71 (März), 1968.
>
> Elinson, J., Padilla, E., und Perkins, M. E., /Public Image of Mental
> Health Services/. Ment. Health Materials Center, New York 1967.
>
> Overholser, W., Statement. In: /Constitutional Rights of the Mentally
> Ill/, S. 19-39.
>
> Robitscher, J. B., /Pursuit of Agreement: Psychiatry and the Law/.
> Lippincott, Philadelphia 1966.
>
> Smith, H. W., /Man and His Gods/. Little, Brown, Boston 1953.
>
> Szasz, T. S.,
> - /Law, Liberty and Psychiatry: An Inquiry of the Sozial Uses of
> Menta Health Practices/. Macmillan, New York 1963
> - Toward the therapeutic state. /New Republic/, 11. Dez. 1965, S.
> 26-29.
>
> /U. S. Book of Facts, Statistics, and Information, The/. Washington
> Square Press, New York 1966.
>
>
> Aus:
> TEIL 1
> INQUISITION UND INSTITUTIONALE PSYCHIATRIE
> Kapitel:
> 4.
> Die Verteidigung der herrschenden Ethik
> In:
> Szasz, Thomas S.: /Die Fabrikation des Wahnsinns. Gegen Macht und
> Allmacht der Psychiatrie/. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am
> Main 1976; Engl.: /The Manufacture of Madness. A comparative Study of
> the Inquisition and the Mental Health Movement/. Harper and Row: New
> York 1970
>
> Nachdruck und Online-Ausgabe:
> Szasz, Thomas S.: /The Manufacture of Madness: A Comparative Study of
> the Inquisition and the Mental Health Movement/. Syracuse University
> Press: Syracuse 1997:
> http://books.google.de/books/about/The_manufacture_of_madness.html?id=hpOcRRum3XEC
>

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