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Wenn die Hölle kommt
(zu alt für eine Antwort)
Roger Roesler
2017-05-20 21:00:06 UTC
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Raw Message
Also, wie sieht das aus, wenn die Hölle kommt? Es gibt hier ja einige,
die gerne in solchen Fantasien schwelgen. Der folgende Link zeigt eine
Animation des Untergangs von Pompeji.

*A Day in Pompeii - Full-length animation*


Viele Menschen aus dieser italischen Kleinstadt konnten sich aufgrund
der in den vorangegangenen Tagen ereigneten Erdbeben rechtzeitig in
Sicherheit bringen. Jene, die diesen Ereignissen zum Opfer fielen, waren
jedoch an diesen Ort gebunden. Sie besaßen auch nicht das Vermögen, um
diesen Ort zu verlassen, ohne ihre gesamte Habe zurück lassen zu müssen
und damit zu verlieren.

Bemerkenswert finde ich den pyroklastischen Strom um ca. 1 am, der
vermutlich die Vernichtung der Ortschaft Herculaneum zeigt. Er ist im
Hintergrund nur schwach zu erkennen. Ich halte die gesamte Animation für
sehr realistisch. Mir hat sie einen größeren Horror eingejagt, viel mehr
als irgendwelche merkwürdigen Filme solcher Art from Hollywood.

Plinius der Ältere hat als militärischer Kommandant noch versucht, mit
seiner Flotte die Einwohner der von dieser Katastrophe betroffenen
Gebiete zu retten. Er kam dabei selbst ums Leben, genau wie die
Mannschaften der von ihm befehligten Flotte. Hier zeigt sich also, auch
in vorchristlicher Zeit besaßen Menschen schon durchaus Mitgefühl, es
ist keine Erfindung der Christen. Bemerkenswert scheint mir, dass schon
wenige Jahre nach dieser apokalyptischen Katastrophe die Menschen und
die Ortschaften, die vernichtet wurden, in Vergessenheit geraten waren.

Apokalyptisch betrachtet müssen wir uns solche Katastrophen an jedem Ort
der Welt gleichzeitig vorstellen. In diesem Fall gibt es keine
Fluchtmöglichkeit mehr. Wenn sich jemand den Untergang dieser Welt
vorstellen will, dann schau er sich diese Animation an. Die Hölle kommt
scheinbar völlig harmlos daher. Das Gefühl in den Gedärmen stellt sich
allerdings erst allmählich ein. Das Grauen kommt auf leisen Sohlen. <eg>
--
ЯR
Roger Roesler
2017-05-21 18:51:28 UTC
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Raw Message
Post by Roger Roesler
Plinius der Ältere hat als militärischer Kommandant noch versucht, mit
seiner Flotte die Einwohner der von dieser Katastrophe betroffenen
Gebiete zu retten. Er kam dabei selbst ums Leben, genau wie die
Mannschaften der von ihm befehligten Flotte.
Diese Geschichte habe ich aus der Wikipedia heraus interpretiert.
Richtig ist, Plinius kam zum Schluss dieser Expedition ums Leben (am
Strand zusammengebrochen). Er starb also nicht unbedingt infolge des
Vulkanausbruchs, obwohl dies durchaus möglich ist. Die Todesursache ist
jedoch unklar, denn seine Begleiter sollen überlebt haben.

Es soll auch tatsächlich gelungen sein, ein paar Bewohner des
Katastrophengebiets zu retten. Auf jeden Fall ist Plinius für heute mein
Held. Plinius hat sich auch sonst um die Rationalität und damit um die
Menschen verdient gemacht. Gelobt sei Plinius! Der Kerl hätte es
wahrhaftig verdient, ein Heiliger genannt zu werden.
--
ЯR
Beate Goebel
2017-05-21 21:31:50 UTC
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Raw Message
Roger Roesler schrieb am 21 Mai 2017
Post by Roger Roesler
Post by Roger Roesler
Plinius der Ältere hat als militärischer Kommandant noch
versucht, mit seiner Flotte die Einwohner der von dieser
Katastrophe betroffenen Gebiete zu retten. Er kam dabei selbst
ums Leben, genau wie die Mannschaften der von ihm befehligten
Flotte.
Diese Geschichte habe ich aus der Wikipedia heraus interpretiert.
Kümmere Dich um das Original. Es gibt gute Übersetzungen.
Post by Roger Roesler
Richtig ist, Plinius kam zum Schluss dieser Expedition ums Leben
(am Strand zusammengebrochen). Er starb also nicht unbedingt
infolge des Vulkanausbruchs,
Wenn Du wissen willst, was damals geschah, lies den Text von Plinius
dem Jüngeren, seinem Neffen. Der sass auf der anderen Seite der Bucht,
hat das Ganze beobachtet und auf die Rückkehr des Onkels gewartet.

Beate
--
"9/11 veränderte alles. Terrorismus dient seitdem als Hebel, um die Leute
zu verängstigen, um Gesetze durchzuboxen, und uns zu nötigen, unsere
Rechte aufzugeben." [John Dean, Ehemaliger Nixon-Berater]
Roger Roesler
2017-05-22 21:43:56 UTC
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Raw Message
Post by Beate Goebel
Post by Roger Roesler
Diese Geschichte habe ich aus der Wikipedia heraus interpretiert.
Kümmere Dich um das Original. Es gibt gute Übersetzungen.
Danke schön, Beate. Dein Einwand ist natürlich vollkommen berechtigt.
Post by Beate Goebel
Post by Roger Roesler
Richtig ist, Plinius kam zum Schluss dieser Expedition ums Leben
(am Strand zusammengebrochen). Er starb also nicht unbedingt
infolge des Vulkanausbruchs,
Wenn Du wissen willst, was damals geschah, lies den Text von Plinius
dem Jüngeren, seinem Neffen. Der sass auf der anderen Seite der Bucht,
hat das Ganze beobachtet und auf die Rückkehr des Onkels gewartet.
So ist es. Ich muss dazu sagen, ich habe meinen Originalbeitrag
verfasst, während ich durch ein Telefonat unterbrochen wurde. Durch
dieses Gespräch wurde ich veranlasst zu anderen Tätigkeiten. Später dann
habe ich diesen Beitrag ohne weitere Untersuchung gesendet. Vor einigen
Jahrzehnten hatte ich mich mit dem Tatbestand schon einmal näher
befasst, ohne dabei dieser Angelegenheit gründlich nachzugehen.
Eigentlich ging es nur darum, diese wunderbare Animation, die
tatsächliche Vorgänge aufgrund der historischen Überlieferungen zeigt,
obwohl sie wahrscheinlich nicht vollkommen korrekt sind aufgrund der
Umstände dieser Naturkatastrophe, einem Publikum zugänglich zu machen.

Aufgrund Deiner Einwände, liebe Beate, habe ich nun die originalen
Überlieferungen gefunden und mache sie nun unter Anderem hier meiner
verehrten Gefolgschaft zugänglich:


Die folgenden Zitate und Übersetzungen stammen aus:
<http://www.gottwein.de/Lat/plin/plin06.php>

| SECHSTES BUCH
Absender:
| C. Plinius Caecilius Secundus
| AN TACITUS
| Du bittest mich, den Tod meines Onkels zu beschreiben, damit du ihn
| der Nachwelt um so treuer überliefern kannst. Ich danke dir, denn ich
| weiß, dass seinen Tod, wenn du ihn beschreibst, unsterblicher Ruhm
| erwartet. (2) Obgleich er nämlich durch die schreckliche Katastrophe
| der schönsten Gegenden der Erde umkam, und er, wie Städte und Völker
| durch diesen denkwürdigen Unglücksfall gleichsam ewig leben wird,
| obgleich er selbst mehrere Werke von bleibendem Wert geschrieben hat,
| wird doch die Unsterblichkeit deiner Schriften viel zu seinem Nachruhm
| beitragen. (3) Ich halte die für glücklich, denen es die Götter
| vergönnen, entweder zu tun, was aufschreibenswert ist, oder
| aufzuschreiben, was lesenswert ist; für die glücklichsten aber halte
| ich die, denen beides gelingt. Zu diesen wird mein Onkel durch seine
| und deine Schriften gehören. Um so lieber komme ich deinem Anliegen
| nach, ja bitte dich sogar darum.
|
| Mein Onkel befand sich in Misenum , wo er persönlich das Kommando über
| die Flotte hatte. Am 24. August meldet ihm ungefähr um 13 Uhr meine
| Mutter, es zeige sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt.
| Er hatte sich gesonnt, kalt gebadet, dann im Liegen etwas zu sich
| genommen und studierte. Er forderte seine Sandalen und bestieg eine
| Anhöhe, von der aus man die sonderbare Erscheinung am besten
| beobachten konnte.
|
| Die Wolke erhob sich - von welchem Berg, konnte man von weitem nicht
| eindeutig erkennen (dass es der Vesuv war, erfuhr man erst später) -
| in einer Gestalt, die mit keinem Baum besser zu vergleichen war als
| mit einer Pinie. Denn sie schien auf einem sehr langen Stamm in die
| Höhe zu steigen und sich in einige Zweige zu verbreitern;
| wahrscheinlich, weil sie anfangs durch den frischen Druck in die Höhe
| stieg und sich dann, als jener nachließ, senkte oder sich durch ihre
| eigene Schwerkraft in die Breite ergoss. Sie war bisweilen weiß,
| bisweilen schmutzig und gefleckt, je nachdem ob sie Erde oder Steine
| mit sich führte.
|
| (7) Als einem gelehrten Mann erschien ihm diese Erscheinung bedeutsam
| und näherer Betrachtung wert. Er lässt ein leichtes Schiff ausrüsten
| und stellt mir frei, ihn zu begleiten. Ich antwortete, ich wolle
| lieber studieren, und zufällig hatte er selbst mir etwas zu schreiben
| aufgegeben. (8) Eben trat er aus dem Haus, als er ein Schreiben von
| Rectina, der Frau des Cascus erhielt, die über die drohende Gefahr
| erschrocken war (denn ihr Anwesen lag am Fuß des Vesuv und sie konnte
| nur zu Schiff fliehen); sie bat ihn, sie aus der so großen Gefahr zu
| retten. (9) Jener ändert seinen Plan, und führt jetzt mit größtem
| Wagemut aus, was er aus wissenschaftlicher Neugierde begonnen hatte.
|
| Er lässt die Vierrudrer zu Wasser und geht selbst an Bord, um nicht
| nur Rectina Hilfe zu bringen, sondern vielen (denn die Küste war wegen
| ihrer Anmut dicht bevölkert). (10) Dorthin eilt er, von wo andere
| fliehen, und steuert in gerader Richtung auf die Gefahr zu, so
| furchtlos, dass er alle Veränderungen und Ausformungen jenes Unglücks,
| wie er sie wahrnahm, diktierte und aufzeichnen ließ.
|
| (11) Schon fiel Asche auf die Schiffe, heißer und dichter, je näher
| man kam; nun auch Bimssteine und schwarze, ausgebrannte, vom Feuer
| geborstene Steine. Jetzt machte eine plötzliche Untiefe und der
| Auswurf des Berges die Küste unzugänglich. Er besann sich einen
| Augenblick, ob er zurücksegeln solle, bald aber sagte er dem
| Steuermann, der ihm dazu riet: "Mit den Tapferen ist das Glück, fahre
| zu Pomponianus!" (12) Dieser war in Stabiae an der entgegengesetzten
| Seite der Bucht (denn das Meer ergießt sich dort in das sich
| allmählich krümmende und herumziehende Ufer). Obwohl die Gefahr dort
| noch nicht sehr nahe war, so war sie doch vor Augen, und wenn sie
| wuchs, nahe genug; er hatte daher sein Gepäck auf die Schiffe bringen
| lassen und war zur Flucht entschlossen, sobald sich der Gegenwind
| legen würde. Als mein Onkel bei sehr günstigem Wind dort gelandet war,
| umarmt er den Zitternden, tröstet und ermuntert ihn und lässt sich, um
| dessen Furcht durch seine Zuversicht zu stillen, ins Bad bringen. Nach
| dem Bad legt er sich zu Tisch und speist mit heiterem Gemüt oder doch,
| was ebenso wirksam ist, mit heiterer Miene.
|
| Inzwischen leuchteten an mehreren Stellen aus dem Vesuv breite Flammen
| und hohe Feuerbrände empor, deren Glanz und Helligkeit durch die
| Finsternis der Nacht gesteigert wurde.
|
| Mein Onkel behauptete, um der Furcht zu begegnen, die Landleute hätten
| aus Schrecken ihre Herdfeuer verlassen und jetzt würden ihre Häuser in
| der Einsamkeit brennen. Dann begab er sich zur Ruhe und schlief
| wirklich fest ein; denn die Leute vor der Tür hörten ihn Atem holen,
| weil er wegen seines starken Körpers schwer und laut atmete. Nun wurde
| aber der Vorhof, aus dem man in das Zimmer trat, mit Asche und
| Bimsstein so hoch angefüllt, dass er bei längerem Verweilen nicht mehr
| aus dem Zimmer hätte gehen können. Man weckt ihn, er steht auf und
| begibt sich zu Pomponianus und den anderen, die gewacht hatten. (15)
| Sie beratschlagen gemeinsam, ob sie im Haus bleiben oder ins Freie
| gehen sollen. Denn die Häuser wankten durch die häufigen und heftigen
| Erdstöße und schienen sich gleichsam aus ihrem Grund zu heben und sich
| bald hierhin, bald dorthin zu bewegen oder gehoben zu werden. (16)
| Dagegen scheute man im Freien das Fallen der noch so leichten und
| ausgebrannten Bimssteine. Doch entschied man sich bei der Abwägung der
| Gefahren dafür. Bei meinem Onkel siegte ein Argument über das andere,
| bei anderen eine Furcht über die andere. Sie legen Kissen auf den Kopf
| und binden sie mit Tüchern fest; dies diente zum Schutz gegen den
| Steinregen.
|
| Schon war es anderwärts Tag, dort war es Nacht, schwärzer und
| finsterer als alle Nächte; doch erhellten sie viele Fackeln und
| Lichter aller Art. Man beschloss, ans Ufer zu gehen und aus der Nähe
| zu sehen, ob man sich schon aufs Meer wagen könne; dieses blieb aber
| wild und ungestüm. (18) Hier legte er sich auf ein ausgebreitetes
| Tuch, forderte wiederholt kaltes Wasser und trank es. Hierauf trieben
| die Flammen und als Vorbote der Flammen der Schwefelgeruch die anderen
| in die Flucht, ihn ließen sie aufzustehen. (19) Gestützt auf zwei
| Sklaven erhob er sich, sank aber sogleich nieder, wie ich vermute,
| erstickt durch den dicken Dampf, und weil sich die Luftröhre
| verschloss, die bei ihm von Natur aus schwach und eng war und häufig
| an Krämpfen litt. (20) Als es Tag wurde, der dritte, von dem an
| gerechnet, den er zuletzt gesehen hatte, fand man seinen Körper
| unversehrt, unverletzt und bedeckt, so wie er bekleidet war, einem
| Schlafenden ähnlicher als einem Toten.
|
| (21) Indessen waren ich und meine Mutter in Misenum - Dies aber trägt
| nichts zur Geschichte bei, und du wolltest nur etwas über seinen Tod
| erfahren. Ich will also Schluss machen. (22) Als einziges will ich
| noch beifügen, dass ich alles, was ich selbst erlebt, und was ich in
| dem Augenblick gehört habe, wo die Wahrheit am treuesten erzählt wird,
| aufgezeichnet habe. Du wirst das Wichtigste ausziehen, denn das eine
| ist ein Brief, etwas anderes Geschichte, das eine, einem Freund, ein
| anderes, für alle zu schreiben. Lebe wohl!
|
| AN TACITUS
| (1) Du sagst, der Brief, den ich dir auf dein Verlangen über den Tod
| meines Onkels geschrieben habe, habe in dir den Wunsch geweckt, zu
| erfahren, was ich in Misenum, wo ich geblieben war (hier hatte ich
| abgebrochen), nicht allein für Schrecken, sondern auch für Unfälle
| erlebt habe.
|
| "Obgleich schaudernd der Geist zurückbebt vor der Erinnerung,
| Will ich beginnen."
| (Verg.Aen.2,12f).
|
| (2) Nachdem mein Onkel weggegangen war, brachte ich die übrige Zeit
| des Tages mit meinen Studien zu, denn aus diesem Grund war ich
| zurückgeblieben; hierauf badete ich, speiste und schlief kurz und
| unruhig.
|
| (3) Das Erdbeben, das man schon seit mehreren Tagen spürte, hatte uns
| als ein in Campanien gewöhnliches Ereignis nicht sehr beunruhigt. In
| jener Nacht aber wurde es so stark, dass alles sich nicht nur zu
| bewegen, sondern einzustürzen schien. (4) Meine Mutter stürzte in mein
| Schlafzimmer. Ich stand meinerseits gerade auf, um sie zu wecken, wenn
| sie noch schliefe. Wir setzten uns in den Hof, der in mäßigem Abstand
| die Häuser von dem nahen Meer trennte.Ich weiß nicht, soll ich es
| Unerschrockenheit oder Gedankenlosigkeit nennen, denn ich war damals
| erst achtzehn Jahre alt. Ich lasse mir die Geschichte des Titus Livius
| bringen und lese, als hätte ich alle Muße, und setze auch die
| angefangenen Auszüge fort. Plötzlich erscheint ein Freund meines
| Onkels, der kürzlich zu ihm aus Spanien gekommen war, schimpft, als er
| mich und meine dasitzen sieht, mich sogar lesen, sie wegen ihrer
| Geduld, mich wegen meiner Sorglosigkeit. Ich aber las nicht weniger
| eifrig weiter.
|
| (6) Es war schon die erste Tagesstunde (6 Uhr morgens) und noch war
| der Tag zögerlich und schlaff. Da die umliegenden Gebäude heftig
| schwankten, war die Gefahr des Einsturzes in dem beschränkten,
| wenngleich offenen Raum groß und unabweisbar. (7) Jetzt erst
| beschlossen wir, die Stadt zu verlassen. Die erschrockene Menge folgt
| uns, zieht, was in der Angst als Klugheit gilt, fremden Rat dem
| eigenen vor und drängt und stößt uns in riesigem Zug voran. (8) Als
| wir die Gebäude hinter uns hatten, machten wir Halt. Aber auch hier
| neue Wunder, neue Schrecken. Denn die Wagen, die wir hatten
| hinausfahren lassen, wurden auf ganz ebenem Feld hin und her geworfen
| und blieben selbst dann nicht auf der Stelle, wenn Steine unterlegt
| wurden. (9) Es war, als verschlinge das Meer sich selbst und werde
| durch die Erderschütterung gleichsam auf sich selbst zurückgeworfen.
| Zumindest war das Ufer vorgerückt und hielt viele Seetiere auf dem
| trockenen Strand zurück.
|
| Auf der entgegengesetzten Seite zerplatzte eine schreckliche schwarze
| Wolke, schoss und schleuderte schlangenförmige Feuermassen umher und
| entlud sich in länglichen Flammengestalten, die wie Blitze aussahen,
| aber größer waren. (10) Jetzt wurde der Freund aus Spanien heftiger
| und dringender: "Wenn dein Bruder", sagte er, "wenn dein Onkel noch
| lebt, so will er euch gerettet wissen, und ist er gestorben, so hat er
| gewollt, dass ihr ihn überlebt; was zögert ihr also mit euerer
| Flucht?" Wir entgegneten, dass wir es nicht über uns brächten, für
| unsere Rettung zu sorgen, solange wir über seine im Ungewissheit
| seien. (11) Er verweilt nun nicht länger, stürzt fort und entreißt
| sich in schnellem Lauf der Gefahr. Bald darauf lässt sich jene Wolke
| auf die Erde herab, bedeckt die See. Sie hatte Capri umgeben und
| eingehüllt; auch das Vorgebirge von Misenum hatte sie unseren Blicken
| entzogen. (12) Jetzt ermahnte, bat, befahl mir die Mutter zu fliehen,
| so gut ich könne: ich sei jung und werde leicht entkommen; sie wolle,
| von Alter und Krankheit niedergedrückt, gerne sterben, wenn sie nur
| nicht an meinem Tod schuld sei. Ich erwiderte, dass ich ohne sie nicht
| überleben wolle, ergreife ihre Hand und zwinge sie, schneller zu
| gehen; (13) sie folgt ungern und macht sich Vorwürfe, dass sie mich
| aufhalte.
|
| Schon fällt Asche auf uns, doch immer noch vereinzelt. Ich sehe
| zurück. Ein dichter Qualm kommt in unserem Rücken bedrohlich hinter
| uns her, wie ein auf die Erde ergossener Sturzbach: "Lass uns ein
| wenig abbiegen," sagte ich, "solange wir noch sehen, damit wir nicht
| auf der Straße umgeworfen und in der Finsternis von der Menge
| niedergetreten werden." Kaum hatten wir uns niedergelassen, als es
| finstere Nacht wurde, nicht eine mondlose oder wolkenverhangene Nacht,
| sondern wie wenn in verschlossenen Räumen das Licht ausgelöscht wird.
| Nun hörte man Frauen heulen, Kinder wimmern, Männer schreien; die
| einen riefen ihren Eltern, andere ihren Kindern oder ihren Gatten;
| einige erkannten sich an den Stimmen, diese bejammerten ihr eigenes
| Unglück, jene das ihrer Angehörigen, manche sehnten sich aus Furcht
| vor dem Tod nach dem Tod. Viele erhoben die Hände zu den Göttern,
| andere behaupteten, es gebe keine Götter mehr und es sei die letzte
| und ewige Nacht der Welt gekommen. Auch fehlte es nicht an Leuten, die
| die wirkliche Gefahr durch erfundene und erlogene
| Schreckensbotschaften vergrößerten. Einige erzählten, in Misenum stehe
| dies in Flammen, jenes sei eingestürzt,: alles falsch, und doch
| glaubte man alles.
|
| (16) Es wurde wieder ein wenig hell, was uns aber nicht als Tag,
| sondern als Zeichen des näher kommenden Feuers vorkam; doch blieb es
| in der Entfernung: die Finsternis kam wieder und mit ihr ein so
| heftiger und dichter Aschenregen, dass wir oft aufstehen und sie
| abschütteln mussten, um nicht zugedeckt und von ihrer Last erdrückt zu
| werden.
|
| (17) Ich könnte mich rühmen, dass mir in dieser großen Gefahr nicht
| ein Seufzer, nicht ein unmännlicher Laut entfahren sei, wenn ich nicht
| in der Erwartung, dass ich mit der Welt, und die Welt mit mir
| untergehe, den dürftigen aber doch wirksamen Trost für meinen Tod
| gefunden hätte.
|
| Endlich lichtete sich jene Finsternis in eine Art Rauch oder Nebel
| auf; es wurde wirklich Tag, sogar die Sonne kam zum Vorschein, aber
| ganz trübe, wie bei einer Sonnenfinsternis. Alles zeigte sich dem noch
| ungewissen Blick verändert, und doch mit Asche, wie mit Schnee
| bedeckt. (19) Wir gingen nach Misenum zurück, pflegten uns, so gut wir
| konnten, und brachten die Nacht unruhig und zwischen Furcht und
| Hoffnung schwankend zu. Die Furcht überwog, denn das Erdbeben dauerte
| fort, und manche täuschten in wahrer Verrücktheit durch schreckhafte
| Prophezeiungen sich und andere über ihr eigenes und fremdes Unglück.
| (20) Wir aber konnten uns, obwohl wir jetzt die Gefahr kannten und mit
| ihr rechneten, auch jetzt noch nicht entschließen, uns zu entfernen,
| bis wir Nachricht vom Onkel hatten.
|
| Du wirst dies lesen, ohne es in deine Geschichte aufzunehmen, da es
| auch dies nicht wert ist; doch du hast es angefordert musst es dir
| deswegen selbst zurechnen, wenn es dir nicht einmal einen Brief wert
| zu sein scheint. Lebe wohl!

| Übersetzung: neu übersetzt auf der Grundlage von C.F.A. Schott
aus: <http://www.gottwein.de/Lat/plin/plin06.php>

Ich möchte hier noch einmal ausdrücklich Herrn Gottwein positiv erwähnen
für seine verständnisvollen Übersetzungen. Die Hölle ist keine
Erscheinung der modernen Zeit, obwohl sie derartige Erscheinungen
vervollkommnet hat. Die Bemühungen von Regierungen in unserer Welt
laufen allesamt auf die Verwirklichung derartiger Höllenvorstellungen
hinaus. Erst kürzlich hörte ich von einer Versammlung von Potentaten in
der arabischen Wüste, die solche Ziele verfolgen und umgehend
verwirklichen wollen.
--
ЯR
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